Nigeria: Die Öl-Pest, die niemanden interessiert

15. Juli 2010

Auf Twitter habe ich schon mehrmals darauf hingewiesen und ich werde nicht müde es zu tun. Natürlich hat es auch etwas damit zu tun, dass ich eine Schwiegerfamilie in Nigeria habe und mich deshalb mehr mit den Problemen in diesem Land auseinandersetze.

Natürlich ist die Öl-Pest im Golf von Mexiko eine Katastrophe. Aber im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, in Nigeria, findet seit 50 Jahren eine Öl-Katastrophe statt, die nicht nur Natur und Umwelt, sondern die Menschen im Niger-Delta direkt betrifft, da sie ihnen ihre Lebensgrundlage entzieht.

In Nigeria ist es nicht nur BP, sondern viele andere Ölkonzerne, allen voran Shell, die Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen hinnehmen, um ihren Profit zu machen. Und keinen interessiert’s. Lediglich Mitte der 1990er erregte das erdölreichste Land Afrikas und Shell kurzzeitig Aufsehen, als Menschenrechtsaktivisten in Nigeria zum Tode verurteilt und erhängt wurden.

Die nigerianische Regierung nimmt jährlich Milliarden Dollar ein, aber das Geld versickert größtenteils in den Taschen der Politiker. Noch immer gibt es nicht genügend adäquate Schulen und Krankenhäuser. Das Straßen- und Stromnetz ist mehr als desolat. Und vor allem sind es gerade die Menschen im Niger-Delta, die die nigerianische Regierung im Stich zu lassen scheint. Dort leben die ärmsten und krankesten Menschen Nigerias, ihre Lebenserwartung ist zehn Jahre kürzer als die ihrer Landsleute im Rest des Landes.

Gestern Abend kam zu relativ später Stunde ein Bericht im Auslandsjournal (ZDF) über die Zustände im Niger-Delta. Vielleicht hat es ja der eine oder andere gesehen und ich möchte die noch frische Erinnerung daran nutzen, die Katastrophe dort den Lesern hier mit ein paar Links zu interessanten Berichten ins Gedächtnis zu rufen.

Die vergessene Katastrophe – Fünf Jahrzehnte Öl-Pest in Nigeria (auslandsjournal):

Shell gilt vielen als einer der Hauptschuldigen der Verschmutzung. Der Ölriese macht seit 1936 Geschäfte in Nigeria und betreibt dort viele Bohranlagen, bei denen es häufig zu Unfällen kam. Zudem wird der Konzern beschuldigt, die brutale Vorgehensweise der damaligen Militärdiktatur gegen friedliche Demonstranten unterstützt oder zumindest toleriert zu haben. Die Demonstranten wollten erreichen, dass die Ölförderer die Verschmutzung stoppen und die Schäden sanieren. Außerdem setzten sie sich dafür ein, dass die Bevölkerung an den Einnahmen der Ölindustrie beteiligt wird. In einem spektakulären Prozess wurden die Führer dieser Bewegung 1995 zum Tode verurteilt und wenig später erhängt.

Jeden Tag eine Ölpest (NZZ online):

In dem Erdölfördergebiet im Süden Nigerias leben rund 30 Millionen Menschen. Ihre Lebenserwartung sank auf 40 bis 45 Jahre, im Rest des Landes ist sie zehn Jahre höher. «Es sind viele Menschen des Ogoni-Volkes von der Kontaminierung betroffen», bestätigt Michael Cowing vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep), das die Verschmutzung wissenschaftlich untersucht. «Es gibt hunderte kontaminierte Orte, eine kleine Zahl davon stellt eine beträchtliche Gefahr für die Gesundheit und die Umwelt dar.»

Die ganz alltägliche Ölpest (Handelsblatt):

Während die Welt gebannt auf die Katastrophe im Golf von Mexiko blickt, ist für die Bewohner des Nigerdeltas der Kampf gegen auslaufenes Öl zum bitteren Alltag geworden. Seit Beginn der Förderung in Nigeria sind nach Schätzungen zwei Milliarden Liter Öl ins Delta geflossen – das entspricht einem „Exxon Valdez“-Tangerunglück pro Jahr. Und ein Ende der Umweltkatastrophe ist nicht in Sicht.

Öl – ein Rohstoff vergiftet das Denken (Tagesspiegel):

Die Gemeinden, in denen das meiste Öl Nigerias gefunden wurde, erhielten kaum mehr als symbolische Zahlungen, nachdem in den 60er Jahren eine Förderung im großen Stil begonnen hatte. Dies beschleunigte den Zusammenbruch des Landes: Anfangs gab es friedliche Proteste, die vom Staat unterdrückt wurden. Dann bildeten sich Milizen, um gegen Soldaten zu kämpfen, die aufgebrachte Dörfer angriffen. Die Milizen nahmen Ölarbeiter als Geiseln. Pipelines wurden angezapft. Die Milizen bekriegten sich auch untereinander. Ausländische Unternehmen schürten den Konflikt, indem sie beide Seiten finanziell unterstützten: Das Militär wurde bezahlt, um die Ölquellen zu beschützen; die Milizen, um diese nicht anzugreifen.

Afrikas eigene Ölkatastrophe (Deutsche Welle):

Ohne das Öl könnte es hier aussehen wie in den Everglades von Florida – ein verwunschenes Labyrinth von Wasseradern mit Mangrovensümpfen und einer reichen Tierwelt. Aber aus dem grünen Paradies ist längst eine Hölle geworden. Ein schokoladenbrauner Ölfilm liegt auf dem Wasser, Vögel sterben, Fische gibt es hier längst nicht mehr. Klebrige Ölklumpen schwappen auf die Felder, es stinkt nach Petroleum. 6000 Kilometer Ölpipelines durchkreuzen das Nigedelta im Zickzack – einige sind völlig veraltet. Wegen der Lecks und der immer häufigeren Öldiebstähle kommt es im Durchschnitt fünf Mal pro Woche zu einem massiven “Spill” – zu einer Öl-Havarie. Seit in Nigeria Öl gefördert wird, sind auf diese Weise viele Millionen Liter schwarzes Gold ins Wasser und in den Boden geflossen – ein Umweltdesaster, für das vor allem der Ölmulti Shell immer wieder Ärger bekommt. Der Konzern fördert allein rund 40 Prozent des nigerianischen Öls: Ein mächtiger Staat im Staate, der sein Geld auf Kosten von Mensch und Umwelt verdiene, sagen die Kritiker.

Würde mich freuen, wenn ein paar Blogs (denen es thematisch passt) ebenfalls auf diese vergessene Öl-Katastrophe hinweisen würden!

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1 richard Juli 15, 2010 um 10:25

ich bin gestern durch den beitrag im zdf erstmalig darauf aufmerksam geworden und war geschockt. am schlimmsten ist, dass mir nix einfällt was man so richtig dagegen machen kann außer weniger ölbehaftete Güter zu konsumieren.
bin nun leider kein blogger, sonst würde ich sicher deinem aufruf folgen und auch auch was schreiben.

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2 Thom Juli 16, 2010 um 22:37

Hallo Richard,

mir ging es wie Dir: Auch ich wusste bisher nichts über die verheerenden Zustände in Nigeria und anderswo in Afrika.

Aber, wie durch einen Zufall, wurde ich in der Zeitschrift “Welt der Wunder” auf eine, zumindest in Ansätzen, theoretische Möglichkeit des Entgegenwirkens aufmerksam.

Diese Zeitschrift beschreibt in ihrer Ausgabe 7/10 in einem umfangreichen Artikel das Bakterium Alcanivorax borkumensis (natürlicherweise in den Ozeanen und Meeren vorkommend, in denen aus sich aus natürlichen Öffnungen der Erdoberfläche seit Jahrmillionen immer wieder Öl in das Wasser ergiest), das bei ausreichender Zufuhr von Sauerstoff Erdöl und seine Zwischenprodukten “ernährt” und diese auflöst.

Der künstliche Einsatz dieses Bakteriums im Niger-Delta (weiß allerdings nicht, ob seine Adaptation an Süßwasser möglich ist), könnte immerhin eine (wenn auch nur sehr unausgegorene) Idee sein.

Was bräuchte man:
- viele Menschen, die das Interesse teilen, diese Umweltkatastrophe und menschliche Tragödie zu beenden
- die Einsicht der Mächtigen dieser Welt, dass auch in Afrika MENSCHEN leben und die behördliche Genehmigung, dagegen vorzugehen
- viele Spenden, viel Geld, um das wissenschaftliche und materielle Know how zu finanzieren
- eine Firma (besser, einen globalen Konzern), die sich für die praktische Ausführung eines solchen Projektes (meinetwegen auch für Geld) engagiert.

Hast Du vielleicht eine Ahnung, wie man (ich meine Du, ich und all die anderen, die nicht nur bereit sind, erschüttert zu sein, sondern sich auch praktisch für ein solches Ziel einsetzen würde) diese Voraussetzungen schaffen könnte? Wenn ja, lass’ es mich bitte wissen – ich wäre dabei.

Herzliche Grüße, B. Thom

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3 Ben Juli 15, 2010 um 11:53

Es macht mich wütend, sehr sogar.
Habe deinen Post auf meinem FB-Profil verlinkt und werde dies auch weiter und auf anderen Profilen tun.

Bleib dran – nur Aufmerksamkeit und öffentliches Interesse hat überhaupt die Chance, etwas zu bewirken. Wenn auch, leider, vermutlich nicht viel.

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4 Gunther Juli 15, 2010 um 17:28

Vielen Dank für Deinen Artikel. Am liebsten soll die Öffentlichkeit ja gar nichts erfahren. Das wurde ja bei dem gerade verschwiegenen Unglück im Roten Meer deutlich.
http://diepresse.com/home/panorama/welt/576508/index.do
Vielen Dank daher für die Zusammenstellung der Links. Ich habe sie per Twitter und Facebook weitergeleitet und werde darauf auch in meinem Blog noch aufmerksam machen.
Schöne Grüße
Gunther

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5 Marcus Juli 16, 2010 um 07:11

Vielen Dank für eure Unterstützung @Ben & @Gunther! :-)

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6 Michael Juli 17, 2010 um 18:43

Habe auch die Doku über das verseuchte Niger-Delta gesehen.
Bin richtig geschockt und möchte kundtun,
daß mich die Provitgier Einiger so langsam richtig ankotzt.

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7 RAinJuharos August 5, 2010 um 13:48

Danke für den Hinweis!!

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8 Frank August 14, 2010 um 14:07

Ich habe nun zum ersten Mal von dieser Ölkatastrophe in Nigeria gelesen. Das ist ja dramatisch. Man müsste mehr gegen diesen Raubzug in der Natur vorgehen. Die Gesundheit der Menschen wird nicht berücksichtigt. Ich persönlich bin ja schon lange für Elektroautos. Aber nehmen wir z.B. die prognostizierte Entwicklung von Elektroautos für den deutschen Automarkt. Derzeit soll es sage und schreibe 40 Millionen Benzin- und Dieselfahrzeuge in Deutschland geben. Im Jahre 2020 soll es demgegenüber gerade einmal 1 Million Elektrofahrzeuge auf den Strassen Deutschlands geben. Da würden wir ja nie vom Öl frei werden. Man kann vermuten, dass es wahrscheinlich mit der Mineralölsteuer, d.h. mit den Einnahmequellen des Staates zusammen hängt.

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9 BoycottShell August 18, 2010 um 19:33

Hallo Leute,

ich bin auch erst kürzlich über diese Schande gestolpert. Das hat mich so wütend und entrüstet gemacht, dass ich mich gezwungen sah etwas dagegen zu unternehmen. Zumindest eine Facebook Seite einzurichten, auf der ich zum Boykott von Shell aufrufe. Alle die mich dabei unterstützen wollen sind herzlich eingeladen zur Verbreitung der Seite beizutragen und somit dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Logt euch einfach bei Facebook ein und besucht folgende URL http://www.facebook.com/pages/Boycott-Royal-Dutch-Shell/111086722279167 dort stelle ich einige Artikel bereit, die über das Treiben Shells berichten sowie einige Videos, die den Kampf der Einheimischen zeigen. Alle die weitere Informationen über z.B. Protestaktionen und ähnliches aber natürlich auch über die Vorkommnisse selbst haben, sind herzlich eingeladen diese mit uns zu teilen. Je mehr Menschen davon wissen desto größer wird der Druck auf Shell also leitet diese Nachricht weiter an alle die ihr kennt!
Ihr könnt euch auch gerne direkt mit mir über die Email BoycottShell@gmx.com in Verbindung setzen. Ich hoffe auf regen Andrang :)

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10 Sergej August 19, 2010 um 12:21

50 jahre schon und niemanden interessierts.. das ist traurig.
Ich werde auf jedenfall versuchen, wenigstens deinen Artikel ein bisschen bekannter zu machen.

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